Frühlingsgeflüster

Der Frühling ist die Zeit des Erwachens, des Aufbruchs und des Neubeginns. Die Natur erwacht zu neuen Leben, nachdem sie sich eine Winterpause gegönnt hatte. Das Licht nimmt nun täglich zu und ebenso dessen Wärme. Die Sonnenstrahlen kitzeln so lange, bis auch der Letzte seine Winterruhe aufgibt. „Raus aus den Federn!“ ruft der Frühling. In der Natur ist keine Spur von Müdigkeit zu sehen, nur wir Menschen (der eine mehr, der andere weniger) plagen uns damit herum wieder in die Gänge zu kommen. Die Natur ist uns allemal voraus. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir verlernt haben im Rhythmus, geschweige denn im Einklang mit der Natur zu leben. Der Fortschritt ermöglicht und erleichtert vieles, aber mir scheint, dadurch ist eine Schnelllebigkeit und ein steigender Leistungsdruck entstanden. Leistung, Leistung, Leistung ist die Devise – Sommer wie Winter, Tag wie Nacht. Der Fortschritt und die moderne Technologie sind ein wichtiger Teil der menschlichen Entwicklung, dennoch haben Traditionen, altbewährtes Wissen und Techniken ebenso ihre Berechtigung. Sie sind einfach nur langsamer gewachsen. Indigene Völker leben zwar wesentlich einfacher, aber mir scheint auch weiser, eben mit der Natur. Sie machen sie sich zu Nutze ohne sie auszubeuten. Sie nehmen sich grad so viel von ihr wie sie zum Leben brauchen. Sie beobachten die Natur nicht nur genauestens, sondern respektieren, verehren und lernen von ihr. Ist eine Welt, die beides in sich vereint, das Moderne mit dem Alten, den Fortschritt ebenso wie die Natur, möglich?


Die Natur ist DIE Lehrerin des Lebens. Und jetzt im Frühjahr erzählt sie uns vom WERDEN, von Geburt und Wiedergeburt, von Neubeginn und Erneuerung. Wobei deutlich gemacht werden muss, dass das neue Leben aus dem alten Leben entsteht. Wie sonst sollten die Pflanzen jetzt gedeihen, wenn nicht aus der Frucht des Vergangenem. Der Frühling wärmt und belebt. Er ist fröhlich wie das Vogelgezwitscher und bunt wie der Regenbogen. Der Frühling lässt neues Grün sprießen und schickt somit die Hoffnung wieder ins Land. Er erweckt die Lebensgeister, verleiht uns Tatendrang und beflügelt die Inspiration und Kreativität. Mit dem Frühling unzertrennlich verbunden ist die Fruchtbarkeit. Für die Menschen aus früheren Tagen hatte dies noch eine überlebenswichtige Bedeutung, schließlich neigen sich irgendwann einmal alle Wintervorräte dem Ende zu. Sehnsüchtig warteten sie nach einem entbehrungsreichen Winter auf das erste helle Grün, auf die ersten zarten Wildkräuter, die zugleich Lebendigkeit in müde Körper bringen sollte. Nun ist es Zeit, die neue Saat auf fruchtbaren Boden auszubringen. Der Frühling inspiriert dazu sich auch selbst einmal zu fragen welche Ideen, Projekte, Wünsche und Träume, die während des Winters Ruhezeit in mir gereift sind, nun auf fruchtbaren Boden fallen und gedeihen möchten?

Der Frühling ist ein großer Magier, er verzaubert nicht nur die Natur, er vermag auch den Menschen zu verzaubern. Mit einer Leichtigkeit vertreibt er die Schwermut des Winters und tauscht diese gegen sanfte Frühlingsgefühle aus. Und wer denkt nicht beim Frühling an Frühlingsgefühle und an die Liebe? Und wer träumt nicht von einem fröhlichem Schmetterlingsgetummel in seinem Bauch? Frühling ist ein Aufbruch und Durchbruch zu Neuem. Doch vor dem Neuen sollte das Alte einer Bestandsprobe unterzogen werden. Was hat sich bewährt und darf bleiben und was hat ausgedient? Nicht von ungefähr kommt der Frühjahrsputz – wobei damit nicht nur die persönlichen vier Wände gemeint sind. Die seelischen Wohnräume möchten auch einmal durchstöbert und gereinigt werden, da hat sich sicher so mancher Unrat angesammelt, aber auch vergessene Schätze könnten (wieder) entdeckt werden. Also ich fühle mich immer sehr wohl, wenn ich meine Wohnung komplett auf Vordermann gebracht habe. Nun stelle ich mir vor, wie gut ich mich fühle nach einem inneren Hausputz. Doch ich muss gestehen, dass dieser Seelenputz nicht so einfach ist und einer eigenen Zeitrechnung unterliegt.


Der Frühling trägt eine Magie in sich, die mich in großes Entzücken versetzt, wie etwa beim Anblick der ersten Schneeglöckchen. Eigentlich müssten sie Frühlingsglöckchen heißen, denn sie läuten wahrlich das Frühjahr ein. Der Frühlingszauber lässt mich wieder Kind werden, das voller Freude und Neugier die Natur entdeckt, jedes Jahr und jeden Tag aufs Neue. Ein jeder Frühjahrestag bringt mich zum Staunen. Wo soll ich nur anfangen, bei den ersten Tulpenspitzen, die herausragen, den Gänseblümchen, die frech ihre Köpfchen in die Höhe recken, wohl wissend, dass die Rasenmäherzeit noch nicht angebrochen ist oder die gelben Narzissen, die mit der Sonne um die Wette strahlen oder das erste Gelbgrün der Bäume. Ich würde hier nicht fertig werden alles aufzuzählen – es ist und bleibt der Zauber des Frühlings. Es ist ein wahrer Augenschmaus für die müden Augen, die des Grau des Winters längst überdrüssig sind. Doch ich möchte erinnern, dass der Winter mit samt seiner Kälte und Dunkelheit sehr wohl seinen Sinn und auch seine Vorzüge hat, auch wenn so mancher gerne auf ihn verzichten würde. Die meisten Samen brauchen die Kälte und das Dunkel der Erde um sich später entfalten zu können. Es ist nicht viel anders als ein Baby, das geborgen im Dunkel der Gebärmutter heranreift und wächst bis seine Zeit gekommen ist. Zu früh (trotz moderner Medizin) wäre es nicht überlebensfähig. So ist es in der ganzen Natur. Ohne Sonne kein Wachstum, aber ohne die Dunkelheit der Erde keine Nahrung. Erst mit der Kraft der Dunkelheit gelingt dem Keim der Durchbruch und der anschließende Weg ins Unbekannte und Ungewisse. Er strebt dem Licht entgegen und ist zugleich verwurzelt mit dem Dunkel der Erde. In der Natur und deren Symbolik liegt die Weisheit für den Menschen verborgen. Wir müssen nur hinschauen und fühlen.

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