Löwenzahn - tief verwurzelt und beflügelt

Der Löwenzahn ist für mich eine Pflanze, die Gegensätze lebt und vereint. Zum Einen wirkt er mit seiner gelben Zottelmähne kräftig, ein bisschen plump, rustikal und erdig. Und nach getaner Wandlung erscheint er zum Anderen leicht und hauchzart in einer mondenhaften Eleganz. Er vermittelt Tiefe und Leichtigkeit zugleich. Er wird geliebt und ebenso gehasst.


Der Löwenzahn ist vieles: Überlebenskünstler, Widerstandskämpfer, Zauberer – aber ganz gewiss kein UNkraut. Es ist praktisch UNmöglich ihn tot zu kriegen, denn seine Vermehrungsstrategien sind UNschlagbar. UNglaublich ist auch seine Vitalität, er lässt sich einfach nicht unterkriegen, strotzt Umweltgiften und regeneriert sich aus kleinsten Wurzelstückchen heraus. Und obendrein ist der Löwenzahn höchst anpassungsfähig. Er kommt ebenso mit einem Zuviel oder Zuwenig an Nährstoffen aus. Ob fette, überdüngte Wiesen, Ruderalstellen oder Betonritzen – er ist UNkompliziert, nicht wählerisch und gibt sich mit dem zufrieden, was er kriegen kann. Macht sozusagen das Beste daraus.

Vielleicht ist des Löwenzahns Geheimnis seine gute Erdung, denn seine Pfahlwurzel kann auch schon mal bis zu zwei Meter lang werden. Oberflächlichkeit ist nicht sein Wesen, er holt aus der Tiefe seine Kraft, inklusive der beneidenswerten Fähigkeit sich zu regenerieren. So mancher Gärtner kann ein Lied davon singen. Doch die Wurzel kann noch mehr, sie beinhaltet reichlich Inulin und ist daher auch gut für Diabetiker geeignet. Allerdings ist es ein bitterer Genuss. In Salzwasser eingelegt, kann der bittere Geschmack zwar abgemildert werden, doch es bleibt Geschmackssache. Mit einem wunderbaren Aroma verwöhnt die Wurzel als Kaffee meinen Gaumen. Dazu werden reichlich Wurzeln im Frühjahr oder Herbst ausgegraben, gewaschen und in feine Scheiben geschnitten. Diese werden entweder in einer Pfanne oder im Backofen (bei ca. 200°C) geröstet. Anschließend fein mahlen, mit kochendem Wasser aufgießen und genießen. Der Geschmack ist ähnlich einem Malz- oder auch Eichelkaffee.

Auch mit seiner Blattrosette, die der Wurzel spiralförmig entspringt, wirkt der Löwenzahn recht bodenständig und standhaft, die Form seiner Blätter ist jedoch sehr vielgestaltig. Der Blattrand ist von sägeZAHNförmig gebuchtet bis tief gelappt. Keines gleicht dem anderen, sie sind wie die Fingerabdrücke des Menschen individuell. Und so manches Blatt erinnert wahrlich an das Gebiss eines Löwen – eben LöwenZähne. Er weiß, was es bedeutet sich durchzubeißen. Denn nicht immer fällt der Samen auf fruchtbaren Boden. Er wächst dort, wohin ihn der Wind trägt. Manchmal ist es das nahrhafte Schlaraffenland einer Fettwiese und ein anderes Mal eine Betonritze. Dank seines großen Anpassungsvermögen lässt er sich auch in mageren Zeiten nicht unterkriegen. Vor seiner Durchsetzungskraft kapitulieren sogar Mauern. Mit Löwenmut und Löwenkraft strotzt er Hindernissen und vermag sich durchzubeißen. Vielleicht möchte er auch gerade diese Fähigkeiten weitergeben und zu mehr Kraft verhelfen. Er fühlt auf den Zahn und hinterfragt. Wie schnell lasse ich mich von Widrigkeiten und Hindernissen einschüchtern? Oder gebe ich auf, wenn meine Ideen und Projekte nicht auf optimalen Boden fallen? Aber auch wie gut bin ich verwurzelt? Habe ich genug Halt? Welche Kraft steckt in meinen Tiefen? Oder schürfe ich nur an der Oberfläche?

Doch nicht nur die Zähne der Blätter erinnern an den Löwen, sondern auch die sonnengelben Blüten gleichen einer Löwenmähne. Sie blühen von April bis Mai und einige sogar nochmal im Herbst. Der Blütenkopf einer Löwenzahnpflanze ist aber nicht eine Blüte, sondern ein ganzer Korb voll mit bis zu 200 Einzelblüten. Ebenso wie das Gänseblümchen gehört der Löwenzahn zu den Korbblütengewächsen. Dabei besteht ein Blütenkopf aus vielen gelben Zungenblüten. (Das Gänseblümchen besteht dagegen aus innen gelben Röhrenblüten und außen weißen Zungenblüten.)



So wie der Löwe ist auch der Löwenzahn in der Signaturenlehre der Sonne zugeordnet. Mit Bescheidenheit wie die der Brennnessel in ihrem äußerlichen Erscheinen, hat der Löwenzahn jedoch nichts am Hut. Mit seiner gelben Zottelmähne strahlt er mit der Sonne um die Wette – wie ein kleiner Sonnenkönig. Eigentlich ist eine einzelne Löwenzahnblüte sehr filigran, aber ein ganzer Korb voll sattgelber Zungenblüten verändert das Bild. Etwas plump und rustikal, aber auf jeden Fall auffallend. Sein sonnig warmes Gemüt ist einfach nicht zu übersehen.

Im Löwenzahn stecken viele Kräfte: Heilkraft, Sonnenkraft, Widerstandskraft, Durchsetzungskraft, aber auch die Kraft zu Wandlung und Erneuerung. Im Frühjahr trägt so manche „fette“ Wiese zuerst ein goldenes Sonnenkleid und tauscht es anschließend gegen ein silberzartes Mondenkleid. Beides ist zauberschön. Und irgendwie erscheint es mir, als ob der Löwenzahn nach den Sternen zu greifen vermag und für kurze Zeit Sonne und Mond auf Erden bringt. Die Pusteblume wird gewöhnlich der Signatur des Merkurs zugewiesen, denn die Schirmchen lassen sich allzu leicht vom Wind erfassen und verbreiten. Dennoch erinnert mich die Pusteblume in ihrer Gestalt als silberfarbene Kugel als Erstes an den Mond. Und erst im Spiel des Windes betrachte ich den Löwenzahn merkurisch. Bei all der Leichtigkeit verliert er dennoch nie seine Tiefe. Er bringt Bewegung und Veränderung. Für ihn gilt das Motto „Wo wir gut verwurzelt sind, wachsen uns auch Flügel.“



Was die Vermehrung betrifft, so möchte ich den Löwenzahn als (fast) autark bezeichnen. Um seinen Fortbestand abzusichern, hat er tief in die Trickkiste gegriffen. Zum einen lieben Insekten seinen Nektar und bestäuben ihn ganz nebenbei. Zum anderen ist er aber nicht auf Bestäubung und somit fremde Hilfe angewiesen. Ein hoher Prozentsatz seiner Art besitzt einen triploiden Chromosomensatz und kann sich somit auch steril (ohne geschlechtlichen Austausch) fortpflanzen. Der Löwenzahn betreibt sozusagen Gentechnologie und klont sich selbst. Deshalb ist es auch wenig von Nutzen, wenn Gartenbesitzer die gelben Blütenköpfe abmähen, um die Pusteblumen und damit eine weitere Verbreitung dieses Krautes zu verhindern. Der Löwenzahn beendet sein Werk, ob mit oder ohne Einverständnis des Gärtners.



Nun fehlt nurmehr die Verbreitung. Am liebsten möchte er die ganze Welt erobern (und hat es auch geschafft). Wer könnte da hilfreicher sein als der Wind. Deshalb auch diese ausgeklügelte Pusteblumen-Verwandlung. Bei gutem Wind kann so ein Schirmchen schon mal kilometerweit fliegen. Doch was der Wind kann, kann der Mensch auch, wenngleich nicht in dieser Intensität. Der Löwenzahn hat sich bei seiner Verwandlung besonders viel Mühe gegeben, um auch dem Menschen zu imponieren und ihn geradewegs zu verleiten es dem Wind gleich zu tun. So heißt es auch in einem alten Gedicht von Josef Guggenmos :

Wunderbar

stand er da im Silberhaar.

Aber eine Dame

war ihr Name

machte ihre Backen dick

machte ihre Lippen spitz

blies einmal,

blies mit Macht

blies ihm fort die ganze Pracht.

Und er blieb am Platze

zurück mit einer Glatze.“

Ich bevorzuge den Löwenzahn und all dessen wunderbare Eigenheiten mir genussvoll einzuverleiben. Der Kulinarik sind hierbei keine Grenzen gesetzt. Röhrlsalat, Pesto, Löwenzahnhonig, mediterran souflierte Kartoffel-Löwenzahntürmchen, Kartoffelknödel mit Wildkräuterfülle, …

Im Frühling ist der Geschmack am besten. Eine milde Herbe verbreitet sich auf dem Gaumen. Recht bekannt und beliebt ist der „Röhrlsalat“ mit Kartoffeln und Ei. Im Jahresverlauf wird der Löwenzahn dann zunehmend bitterer. Aus meiner Sicht ist er aber immer noch milder als ein Endiviensalat. Für mich ist das Geheimnis eines guten Wildkräutersalates das Dressing. Es bedarf ein wenig Säure und Süße. So wird die Herbe eines Löwenzahns gemildert und rundet das Aroma ab. Dabei sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt und ein Experimentieren mit Aromen und Düften erlaubt. Schauen Sie doch einmal Hier.

In Kraft, Stärke und Temperament steht der Löwenzahn dem König der Tiere nicht nach, aber die majestätische Ausstrahlung vermochte ich bei ihm nicht zu entdecken. Stolz und eigenwillig, aber „gewöhnlich“. Vielleicht ist der Löwenzahn nur deshalb ein ungeliebtes UNkraut, weil der Mensch all diese Eigenschaften und Fähigkeiten nur UNzulänglich sein Eigen nennen kann. Der Löwenzahn ist und bleibt „born to be wild“ - UNgezähmt in Kraft und Vitalität, UNverwüstlich UNabhängig, wild und frei.

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